Reflexionen

treibsand

4 Serien – ein Material

„…Tiefe entsteht anders: Zum gegebenen, nachvollziehbaren Verlauf muss ein neues Moment hinzutreten Das sollte dem Vorausgegangenen verbunden sein: nicht unbedingt demonstrativ überdeutlich, aber doch subkutan, nachprüfbar, zumindest erahnbar. Ein Element der Überraschung, der anspielenden Verwirrung, des Nicht-Geheuren, der symbolischen Beziehung müsste gleichsam hinzukommen.”
(Joachim Kaiser: 3/4/5. Juni 2006, Süddeutsche Zeitung Nr. 127)

Neben Feuer, Wasser und Luft gehört Erde zu den vier Naturelementen. Als künstlerisches Material steht sie im Gegensatz zu zeitgenössischen Kunststoffen. Ihre Eigensprache, ihre physikalische Präsenz, ihr taktiler Reiz und ihre Vielfalt sind die primären Anreize meiner jahrzehntelangen Verwendung dieses unerschöpflichen Materials, das bis ins 19. Jahrhundert hinein für Ursprung, Leben und Vergehen stand.

Sand, Kohle, Lehm, Kies, Asche gehören zu den von mir hauptsächlich genutzten Erdmaterialien, die in Verbindung mit Collageelementen, Fundstücken und Farbsubstanzen (Pigmente, Acryl) eine reliefartige Gestaltung ermöglichen.

Immer wieder Sand…

Sand, in seiner unzähligen Körnung, in seinen weltweiten Vorkommnissen und nicht zuletzt in seiner mannigfachen Farbpracht, drängt Bildideen und Bildstrukturen geradezu auf, „treibt“ den Gestaltungsprozess voran und drückt ihm gelegentlich seinen eigenen Stempel auf. „Angetrieben“ werden oftmals auch die Bildmotive, zusammengefasst in einzelnen Serien. Sie ergeben sich aus zufälligen Situationen, die ins Auge springen und bereits in Gedanken einzelne Themenzyklen entstehen lassen. Ebenso können gezielt aufgesuchte Orte den Blick auf eher Nebensächliches, Unscheinbares fokussieren und in der intensiven Auseinandersetzung mit Details die „Veränderlichkeit der Dinge“ wahrnehmen lassen.

„Alles war ständig in Fluss, und wenn sich auch zwei Backsteine in einer Mauer sehr ähnlich sehen mochten, so konnten sie doch nie als identisch aufgefasst werden. Noch genauer gesagt: Derselbe Backstein war eigentlich nie derselbe. Er verschliss, zerfiel unmerklich unter den Einwirkungen von Atmosphäre, Kälte und Hitze, von Stürmen, die ihn attackierten…“
(Paul Auster: Mein New York)

R.I.K.

Die Serie R.I.K. (Route Industriekultur) ist das Ergebnis zweier Aufenthalte (2010 und 2012) im ehemaligen „Revier“, dem Ruhrgebiet. Die häufige Verwendung von Kohle versteht sich von selbst…

Aber nicht nur die Kohle bestimmte lange Zeit die Industrie dieser Region, ebenso wichtig waren Eisen und Stahl. Rostige Oberflächen, von Witterungseinflüssen aufgerissen, sind Zeugen dieser Zeit.

Garzweiler

Auch die Serie Garzweiler (2007) enthält vor Ort gefundene Erdmaterialien: Kohle, Lehm, Sand. Eine individuelle Exkursion durch das Tagebaurevier hinterließ unvergessliche Eindrücke, die in den Einkerbungen in allen Bildern der Serie verdeutlicht werden: Erdaufrisse, verursacht durch den beindruckenden Bagger, der die Erde ausgräbt und Tiefenschichten ans Tageslicht bringt.

Port-Miou

Rostige, abgenutzte Kreise, gefunden auf einer verlassenen Baustelle in einer Calanque in  Südfrankreich – ein Zufallstreffer für die Bildserie, die Sand und Eisen miteinander verbindet. Diese vergangenheitsträchtigen Elemente wurden vermutlich – nach Aussage einheimischer Arbeiter – für Heizungsapparate verwendet.

Ihre endlose Benutzung: ein immer wiederkehrender Kreislauf.

„Manchmal erinnern wir uns an gewisse Episoden in unserem Leben und brauchen Beweise, um ganz sicher zu sein, dass wir nicht geträumt haben.“
(Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend)

Kiel

Traditionelle Bildinhalte für Hafenmotive sind hinlänglich bekannt – die Vielfalt winziger, unscheinbarer Details zu entdecken, bedarf der Konzentration auf „Unwesentliches“ – gefunden bzw. entdeckt in zahlreichen „Pflöcken“, die den Booten und Schiffen Halt und Sicherheit geben.

Thematische Anregungen und Inspirationen geben Anstoß für die allmähliche Entstehung der Arbeiten. Im zunehmenden Arbeitsprozess wird ihr Einfluss geringer – bis hin zur vollständigen Loslösung und dem Zeitpunkt des Aufhörens.

Doch: wann ist ein Bild fertig?

„Fertig ist ein Bild nie, aber ich muss ja irgendwo aufhören.“
(Emil Schumacher: „Zerstörung als bildnerisches Mittel“)

Anne Wöstmann


 

‚Klarheit gewinnen’ ist immer ein Akt des Erwachsenwerdens. Nur ist er unbequem im Moment des Geschehens, zwingt er doch zur Selektion, zum Abwurf von Illusionen – sie können nicht bleiben, wenn sie durchschaut werden. Deshalb ist ‚Klarheit gewinnen’ auch immer ein Schritt zur Abstraktion, das Abstrahieren des Wesentlichen vom Unwesentlichen, also gleichzeitig Verlust. Ein Verlust, der vielleicht schmerzt, letztlich aber befreit.

(AW, 1992)

 

„Alles, was uns im Leben begegnet, lässt Spuren zurück…“
(Goethe)

Spuren können sein – im weitesten Sinn – Kerben und Verletzungen materieller Art: Aufbrüche und Aufrisse der vorgefundenen Oberflächen, sowohl in der Natur als auch in der vom Menschen geschaffenen Welt. Äußere Einflüsse setzen ihre Zeichen. Oft entstehen sie auch aus sich selbst heraus; Erosionen, Aufplatzungen, die den Einblick ins Innere nicht verwehren und von der Fragilität und Wandelbarkeit jedweder Existenz zeugen, selbst wenn sie noch so felsenhaft erscheint.

Ähnlich verhält es sich mit den Einschnitten, die eher die Seele des Menschen gestalten. Häufig bleiben Narben zurück; manchmal sind sie nur subtil wahrnehmbar, verraten aber dem aufmerksamen Beobachter Details, die es mehr zu erspüren, zu ertasten als zu sehen gilt.

(AW, 1996)